Bericht | 21. Juli 2026
Bericht vom Workshop "Scores, Text & Audio"
Von Alexandra Büttner, M. A. , Andrea Polywka, M. A. und Katharina Bergmann, M. A.
Abstract and Dynamic Visualisation of Music Scores
Autor:in: Image created with Canva AI, Besitzer:in: Alexandra Büttner
Nach dem Erfolg der Workshop-Reihe im vergangenen Jahr, die auf das Klassifikationssystem Iconclass fokussierte, haben wir im Juli eine weitere Runde gestartet, die sich diesmal auf musikwissenschaftliche Annotationstools konzentrierte. Ziel war es, aus musikwissenschaftlicher Perspektive, einen Überblick über eine Vielzahl von Annotationstools und Metadatenstandards im Kontext interdisziplinärer Projekte zu geben.
Die Veranstaltung war eine gemeinsame Initiative unseres Konsortiums NFDI4Culture und von HERMES, dem Datenkompetenzzentrum für Kultur- und Geisteswissenschaften. Bei einem früheren HERMES Open Colloquium hatte ein Teilnehmer auf die Frage, welche Themen von Interesse sein könnten, Annotationswerkzeuge für die Musikwissenschaft genannt. Wir haben uns sehr gefreut, dass der jüngste Workshop diesem Wunsch der Community nachkommen konnte.
Der Workshop fand auf Englisch statt, um die Veranstaltung einem internationalen Publikum zugänglich zu machen. In unserer zweiten Projektphase von NFDI4Culture ist die Internationalisierung neben künstlicher Intelligenz und Datenqualität einer unserer wichtigsten strategischen Schwerpunkte. Daher haben wir uns besonders gefreut, zahlreiche internationale Gäste bei der Veranstaltung begrüßen zu dürfen. Insgesamt verzeichneten wir 72 Anmeldungen, darunter waren rund 20 internationale Teilnehmer:innen.
RÜCKBLICK TAG 1
Am ersten Tag des Workshops drehte sich alles um Annotationen, dass heißt „den Vorgang, Verbindungen zwischen einzelnen Informationselementen herzustellen“ (Sanderson et al. 2017) – wie das Zitat, das uns Anna Plaksin (Kreativ.Institut OWL) und David M. Weigl (Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien) im ersten Einführungsvortrag vorstellten und treffend zusammenfassten.
In der Präsentation und der praktischen Übung wurden die Arbeitsabläufe und Elemente des mei-friend-Editors vorgestellt. Dieser Editor ist eng mit dem Verovio-Tool verknüpft und bietet eine nützliche Benutzeroberfläche, die bei der Annotation von Partituren im MEI-Format hilft. Nach einer kurzen und informativen Einführungspräsentation bildete die praktische Übung den Hauptteil dieser ersten Stunde des Workshops. In diesem praktischen Teil annotierten die Teilnehmer:innen Auszüge aus Ludwig Baumanns (1866–1944) „Mondnacht am Meer“ und lernten dabei die wichtigsten Funktionen des mei-friend-Editors sowie einige speziellere Funktionen kennen.
Das nächste webbasierte Tool namens CATMA – die Abkürzung steht für „computer assisted text markup and analysis“ – wurde von Evelyn Gius (TU Darmstadt) vorgestellt. Es bietet explorative Arbeitsabläufe für die Textannotation, die auch für musikwissenschaftliche Texte genutzt werden können. Nach einem kurzen Überblick über die wichtigsten Fakten zu CATMA ging Evelyn direkt zu einer praktischen Übung über, bei der sie alle Teilnehmer dazu anleitete, sich bei CATMA anzumelden, eigene Projekte anzulegen und gemeinsam an Textmaterial zu arbeiten. Für die Gruppenannotationen hatte sie die Liedtexte aus Franz Schuberts (1797–1828) „Winterreise“ vorbereitet und es wurde demonstriert, wie das Tool es den Nutzern nicht nur ermöglichte, gemeinsam eigene Tags zu vergeben, sondern auch den Text automatisch zu analysieren. Die Ergebnisse zeigten beispielsweise, dass zu den am häufigsten im Text vorkommenden Wörtern „Herz“ und „Schnee“ gehörten. Durch diesen einfachen Ansatz im Hands-On Teil des Vortrages, war das Tool leicht zugänglich.
Und zum Abschluss hörten wir einen Vortrag von Frithjof Bömcke-Vollmer (Universität Paderborn), Nike Lange (Folkwang Universität der Künste) and William Lepp (Universität Paderborn) über das Audio-Annotations-Tool Sonic Visualiser – bei dem wir tatsächlich „visualisierten Klang“ wie Wellenformen, Spektrogramme und Spektren zu sehen bekamen. Audiobeispiele und Musikausschnitte, unter anderem von der Komponistin Johanna Martzy (1924–1979), untermalten die grafischen Darstellungen und waren eine willkommene Bereicherung des Workshops. Ebenso wurden Einblicke gewährt, wie das Tool genutzt werden kann, um verschiedene Tempi oder Geschwindigkeiten von Musikstücken zu messen, und wie es nicht nur für Audiobeispiele, sondern auch für visuelles Material eingesetzt werden kann. Das Team arbeitet derzeit im DFG- Projekt Digitale Interpretationsedition: Prototypischer Forschungsprozess und Modelledition, an dem auch Andreas Münzmay (Co-Spokesperson der Cultural Research Data Academy) beteiligt ist.
RÜCKBLICK TAG 2
Am zweiten Tag ging es vor allem um die Strukturierung und Aufbereitung von Forschungsergebnissen. Der Vormittag begann mit einem Vortrag von Hans Brandhorst (Iconclass), Chefredakteur von Iconclass. Dieses weithin anerkannte Klassifikationssystem für bildende Kunst und Kulturgüter wird von zahlreichen Museen und Bibliotheken weltweit genutzt. Es ermöglicht den thematischen Zugriff auf Sammlungen. Im Rahmen von NFDI4Culture ist Iconclass zu einem integralen Bestandteil des Knowledge Graphs geworden, um insbesondere interdisziplinäre Sammlungen auf inhaltlicher Ebene miteinander zu verknüpfen. In seinem Vortrag über Iconclass konzentrierte sich Hans darauf, wie musikwissenschaftliche Aspekte in visuellen Objekten klassifiziert werden können. In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass Iconclass nicht nur – auch wenn dies häufig der Fall ist – zur Klassifizierung des Inhalts visueller Objekte, sondern auch von Audiomaterial dient. So könnte beispielsweise Schuberts „Winterreise“ – die in der CATMA-Sitzung vorgestellt wurde – problemlos mit Begriffen wie „Herz“, „verlassener Liebhaber“ oder „verzweifelter Mann“ klassifiziert werden.
Kristina Richts-Matthaei (Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz) stellte MerMEId vor, einen Open-Source-MEI-Metadaten-Editor. Sie ging kurz auf die Geschichte des Tools ein und konzentrierte sich anschließend auf die aktuellen Inhalte des Tools und Weiterentwicklungen. In einem ihrer aktuellen Projekte, MerMEIding to the future, wird der MerMEId weiterentwickelt. Im Rahmen dieses Projekts liegt ein Schwerpunkt darauf, die Erstellung hochwertiger musikbezogener und „autonomer Metadaten“ gemäß den FAIR-Prinzipien zu ermöglichen, um die Datenqualität und Nachhaltigkeit in der Musikwissenschaft zu verbessern. Zum Abschluss ihres Vortrags stellte Kristina einige Funktionen von MerMEId MeLODy vor, einer browserbasierten Version des Editors, die sich derzeit in der Beta-Phase befindet.
Martha Stellmacher (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)) gab einen Überblick über fachspezifische Repositorien in NFDI4Culture und stellte den Helpdesk vor, der Forschenden und Kulturerbe-Einrichtungen individuelle Beratung und Unterstützung bietet. Dies war ein idealer Abschluss, um zu veranschaulichen, wie diese Annotationen und Forschungsergebnisse veröffentlicht und miteinander verknüpft werden können. Sie begann mit einem interaktiven Mentimeter – einer erfrischenden Abwechslung –, bei dem sie die Zuhörer fragte, wie vertraut sie mit Publikationsdiensten im Bereich der Musikwissenschaft seien.
Im Anschluss an die Vorstellung des Sonic Visualizers am ersten Tag diskutierten wir, wie Annotationen innerhalb der verschiedenen Annotationstools referenziert oder verlinkt werden könnten. Frithjof Bömcke-Vollmer und David Weigl versicherten, dass sie derzeit in ihren jeweiligen Projekten daran arbeiteten. Bislang müssen Anmerkungen, um sie zu verlinken oder zu zitieren, noch exportiert und veröffentlicht werden. Marthas Vortrag lieferte wertvolle Empfehlungen dazu, wo exportierte Anmerkungsdatensätze veröffentlicht werden können und wo man Hilfe finden kann.
In der abschließenden Diskussion ging Hans Brandhorst kurz auf ein Forschungsprojekt von Jan von Bonsdorff und Tobias Plebuch an der Universität Uppsala ein: „Charting Visual and Musical Moods and Metaphors: Facilitating Cross-Modal Connections for Machine Learning and Multimodal AI“, das bereits auf einem früheren Iconclass-Workshop vorgestellt worden war. Das Projekt nutzt Iconclass, um einzelne musikalische Begleitungen zu Stummfilmen nach ihrer Stimmung und Atmosphäre zu klassifizieren.
Der Workshop stellte verschiedene Annotationswerkzeuge, Klassifizierungssysteme und die Integration von Metadaten vor und zeigte, wie sich Werkzeuge, die aus anderen Disziplinen stammen, ebenfalls hervorragend für die musikwissenschaftliche Forschung eignen. Ziel des Workshops war es, eine Reihe von Werkzeugen und Systemen vorzustellen, die einerseits, wie MerMEId, mei-friend oder Sonic Visualiser, aus dem Bereich der Musikwissenschaft stammen. Andererseits stammen sie aus anderen Disziplinen, haben aber das Potenzial, in der musikwissenschaftlichen Forschung eingesetzt zu werden, wie beispielsweise CATMA oder Iconclass.
Angesichts der Vielfalt der Datentypen, die Musikwissenschaftler in ihrer Forschung verwenden, kann es von Vorteil sein, über das eigene Fachgebiet hinauszuschauen, um geeignete Werkzeuge zu finden. Mit diesem Workshop konnten wir einen ersten Funken entzünden und planen, in naher Zukunft weitere NFDI4Culture-Communities und -Werkzeuge anzusprechen.
Bibliographie
Sanderson, Robert; Ciccarese, Paolo; Young, Benjamin (2017): Web Annotation Data Model, W3C Recommendation, 23 February 2017, URL: https://www.w3.org/TR/2017/REC-annotation-model-20170223/