Ankündigung | 02. Dezember 2025

Unser täglich Lied gib uns heute: Von Kirchenliedern zu YouTube und TikTok – Shortlist des 4. Culture Music Awards veröffentlicht

Von Dominik Leipold, M. Sc., M. A. und Dipl. Des. (FH) Sarah Pittroff, M. A.

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4. NFDI4Culture Music Award

4. NFDI4Culture Music Award

"Illustration for the 4. NFDI4Culture Music Award" CC0 Autor:in: Sarah Pittroff

Sie berühren mit ihrem Forschungsinteresse in besonderem Maße das alltägliche Leben von Kultur und Lebenspraxis in der Mitte unserer Gesellschaft: Mit der Shortlist des Culture Music Awards 2025 werden Projekte gewürdigt, die sich Massenmedien widmen. Die Spannbreite dieser Medien ist weit: sie reicht von Choralbüchern – historischen und einem, nach dessen Musiknoten auch heute noch in unseren Kirchen gesungen wird – bis hin zu Social Media und YouTube, "das größte Musikarchiv der Gegenwart".

Die Jury des 4. NFDI4Culture Music Awards, bestehend aus Vertreter:innen von NFDI4Culture, der Gesellschaft für Musikforschung (GfM), des Deutschen Musikrats und des Zentrum Musik – Edition – Medien (ZenMEM), ist vergangene Woche zusammengetreten und hat die Einreichungen, die bis zum 09.11.2025 eingegangen sind angeregt diskutiert. Ganz besonders hervorzuheben wünscht die Jury folgende drei Projekte in der NFDI4Culture Music Award Shortlist:

Aida Amiryan-Stein (Universität Paderborn): Neues Thüringer Choralbuch digital

Im Rahmen ihrer Masterarbeit erstellt Aida Amiryan-Stein derzeit eine kritische digitalen Edition des Neuen Thüringer Choralbuchs (1955, 6. Auflage 1990) und damit einer Gattung des modernen Notendrucks, der sich wohl im Inventar einer jeden Kirchengemeinde findet und (sonn)täglich vielerorts regelmäßig zum Einsatz kommt. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Behandlung einer derart prägenden zeitgenössischen Musizierpraxis mit den bei anderen Werkkorpora selbstverständlichen Methoden der musikwissenschaftlichen Grundlagenforschung geradezu überfällig. Mitverantwortlich dafür ist die oftmals komplexe urheberrechtliche Situation, zumal ein Teil der Choralsätze von Komponist*innen des 20. und 21. Jahrhunderts stammt. Das Projekt begegnete diesem Hindernis in virtuoser Weise, indem es eine Lizenzierung der betroffenen 312 Sätze unter den Bedingungen der CC-BY 4.0 erreichte. So können die erarbeiteten MEI-Codierungen nun frei zugänglich im Sinne der FAIR-Prinzipien publiziert werden; der aktuelle Arbeitsstand wird sogar bereits vor Einreichung der Abschlussarbeit verfügbar gemacht.

Die Methodik der Codierungen selbst entspricht erkennbar den in den vergangenen Jahren von der internationalen musikwissenschaftlichen Community erarbeiteten Best Practices. Angestrebt wird eine Erweiterung des Bestands um harmonische Annotationen sowie die Anbindung an ähnliche, ebenfalls jüngst entstandene Korpora. Insgesamt eröffnet das Vorhaben nach Ansicht der Jury Perspektiven auf eine breite Vernetzung nicht nur der Forschungsdaten, sondern auch der wissenschaftlichen tätigen Akteur*innen mit den Kunstausübenden aller Qualifikationsstufen.

Henrik Schuld (Hochschule für Musik Mainz, Abteilung Musiktheorie): ChoRA – Neuronale Rekonstruktion barocker Choralbücher

Die im Herbst 2024 eingereichte Masterarbeit von Henrik Schuld verfolgt das Ziel, mit Hilfe maschineller und damit von einem „nachkomponierenden“ Subjekt möglichst unbeeinflusster Verfahren das verschollene Bass-Stimmbuch des Choralbuchs von Johann Jacob Pagendarm (1646–1706) zu rekonstruieren. Als philologischer Ausgangspunkt dient die aufgrund einer Verwechslung zufällig überlieferte Bassstimme eines der 139 Kantionalsätze, die Rückschlüsse auf den Satzstil des Komponisten erlaubt. Der entwickelte Algorithmus repräsentiert nach Ansicht der Jury einen äußerst pragmatischen Ansatz hinsichtlich des Einbezugs von Künstlicher Intelligenz, indem er deterministische, regelbasierte Verfahren mit dem Training eines Neuronalen Netzes kombiniert und auf die jeweils geeigneten Aspekte des Forschungsgegenstands anwendet. So wird die stilgerechte harmonische Fortschreitung zwar heuristisch ermittelt, jedoch ist garantiert, dass der Output einfache satztechnische Regeln und Konventionen wie die Vermeidung von Parallelen und die Harmonisierung des Schlusstons mit einem Akkord in Grundstellung stets befolgt. Bemerkenswert sind die leicht verständlichen Erläuterungen zur Architektur des Netzes, die vollständig aus musiktheoretischen Überlegungen abgeleitet wird.

Das Ergebnis bezeichnet der Autor selbst als Prototyp, der zu einem referenzfähigen Forschungswerkzeug erweitert werden kann, und strebt entsprechende Evaluations-, Modularisierungs- und Dokumentationsarbeiten an. Da die Komposition vierstimmiger Choralsätze nach wie vor zentraler Bestandteil des musikwissenschaftlichen und musiktheoretischen Grundstudiums ist, würde insbesondere die Hochschullehre dadurch ein neues und modernes Hilfsmittel gewinnen.

Christoph Hust (Hochschule für Musik und Theater Leipzig): Musikalische Rezeptionsräume und Kommentarnetzwerke in digitalen Plattformen

Die Arbeit der Forschungsgruppe um Christoph Hust reagiert auf eine Entwicklung, deren Rahmenbedingungen erst Mitte der 2000er Jahre realisiert waren: die rasante Entstehung einer musikalischen Rezeptionspraxis auf Videoplattformen im Internet. Zu Recht bezeichnet die Einreichung YouTube als „das größte Musikarchiv der Gegenwart“, das den Nährboden für eigene und dringend mit wissenschaftlicher Methodik zu beforschende „kulturelle Dynamiken“ und „ästhetische Debatten“ biete. Zur Erschließung der dabei entstehenden Daten wurde daher mit dem YouTube Comment Miner eine Tool programmiert, die neben Scraping und Analyse auch die Wahrung von Datenschutz- und Persönlichkeitsrechten durch die Integration gängiger Anonymisierungsverfahren erlaubt. Die beigegebenen Fallstudien zur Musik aus Animationsfilmen des Studio Ghibli beziehungsweise in der Computerspielreihe The Legend of Zelda überzeugten die Jury vom Nutzen der bereits implementierten Module der Software.

Ebenso fand das Vorhaben, Funktionalität und Forschungsgebiet auf die mittlerweile vergleichbar bedeutsam gewordene Mega-Plattform TikTok auszuweiten, breite Unterstützung. Bedenken, diese Erweiterung könnte wegen kommerzieller Interessen seitens des neuen Anbieters verhindert werden, vermochte die Projektskizze zu zerstreuen, indem sie mit der Analyse von Instagram-Reels sowie der Fokussierung auf die Skalierbarkeit auf millionenfach kommentierte YouTube-Videos zwei ersatzweise in Frage kommende Arbeitspakete beschrieb. In jedem Fall ist davon auszugehen, dass zahlreiche Lehrveranstaltungen und Forschungsprojekte von der geplanten Open-Source-Publikation enorm profitieren werden.

Der NFDI4Culture Music Award wird von der musikwissenschaftlichen Community in NFDI4Culture vergeben und soll musikbezogene oder musikwissenschaftliche Projekte und Unternehmungen auszeichnen, die in besonderer Weise zu den Zielen in den Aufgabenbereichen des Konsortiums beitragen. Das erste Mal wurde er 2022 vergeben.